Fortschritt

Leben wie die Jetsons. In Fujisawa – der Zukunftsstadt.

In der Smart Town von Panasonic geht man neue Wege bei erneuerbarer Energie, Sicherheit, Mobilität, Gesundheit und dem Zusammenleben.

Sustainable Smart Town Fujisawa, Japan

Masuru Kawashiga schaut beim Frühstück auf sein Smartphone. Das Elektroauto an der Ladesäule vor der Tür ist komplett geladen. Damit schafft der Unternehmensberater problemlos seine heutige Strecke. Er hat einen Termin im 50 Kilometer entfernten Zentrum von Tokio, danach muss er zu seinem Büro und dann zurück nach Fujisawa City.

Das Viertel ist so etwas wie die Heimat der realen Jetsons. In der Zeichentrickserie lebt die Familie mit Hund Astro und Roboter Rosie in den Wolken, schließlich stellte man sich in den 1960er Jahre vor, wir würden alle fliegen. Doch die Zukunftsvision von Panasonic dreht sich mehr um erneuerbare Energie und CO2-freie Mobilität. So lautet der offizielle Name des Projekts Fujisawa Sustainable Smart Town (FSST).

Elektromobilität – am Boden

In der Küche nimmt sich Tochter Hina die Dose mit ihren Pausenbroten vom Tresen und küsst ihre Mutter zum Abschied. Die 14-jährige steigt auf ein E-Bike, das draußen an der Hauswand lehnt. Allerdings reicht die Batterie nur noch bis zum Gemeindezentrum, wo sich eine Tauschstation befindet. Ohne Wartezeit ersetzt sie die leere Batterie unter dem Gepäckträger und schafft es rechtzeitig zur Schule. Als Mann und Tochter das Haus bereits verlassen haben, wirft Frau Youko Kawashiga noch einen Blick auf das Display an der Küchenwand. 23 Grad und leichte Bewölkung sind für heute vorhergesagt. Warm genug, um ein elektrisches Motorrad statt eines Elektroautos beim Car-Sharing-Service zu reservieren. Damit wird sie später zu ihrer Arbeitsstelle im Seniorenheim fahren. Die Sonnenscheindauer für heute ist ausreichend, um Waschmaschine und Trockner anzuwerfen. Die Kawashigas beziehen Strom durch Solarzellen auf dem Dach. Für die Nacht und sonnenschwache Stunden speichert eine Lithium-Ionen-Akku im Keller die Energie. Doch Frau Kawashiga verlässt sich ungern auf den Speicher und nutzt große Haushaltsgeräte lieber, wenn die Sonne lacht. „Die Zurückhaltung ist unbegründet“, sagt Michihiro Sakamoto, Manager der Business Solutions Division bei Panasonic, „Nachts erzeugen Brennstoffzellen Strom. Bei dem chemischen Prozess entsteht zusätzlich Hitze, die wir für die Warmwasserversorgung nutzen.“ Das 190.000 Quadratmeter große Wohngebiet benötigt rund 30 Prozent weniger Wasser und stößt 70 Prozent weniger Kohlendioxid als vergleichbare Stadtviertel aus. Ein Drittel der benötigten Energie wird aus regenerativen Quellen bezogen. Die meisten Städte in Industrienationen entstanden vor sehr langer Zeit als kleine Siedlungen an einem Fluss oder wichtigen Verkehrsadern. Straßen und Wege wurden für Pferdekutschen ausgelegt. Über die Jahrhunderte mussten sich die Infrastruktur für Verkehr als auch Wasserver- und Entsorgung, Strom-, Telefon- sowie Internetanschlüsse an die Gegebenheiten anpassen. Doch in vielen Städten wird der Platz knapp, Anpassungen an den Stand der Technik sind kaum möglich. Insofern war es ein Glückfall, dass Panasonic an dieser Stelle eine alte TV-Fertigung aufgab und so am Reißbrett die Stadt der Zukunft entwerfen konnte.

Miteinander statt nebeneinander

Der Technologiekonzern, der vor allem für seine Unterhaltungselektronik bekannt ist, will in Fujisawa nicht in erster Linie Energie- und Haustechnik testen. „Es geht um eine Blaupause für unser zukünftiges Zusammenleben. Wie verändert sich die Gesellschaft und wie kann Technologie dabei helfen?“, bringt es Sakamoto auf den Punkt. Somit spielen Gesundheit und Gemeinschaft neben Mobilität und Energie eine wichtige Rolle. In kaum einer anderen Industrienation ist die demografische Entwicklung bereits so deutlich zu beobachten. Bis 2030 wird ein Viertel der japanischen Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Eine sinkende Geburtenrate und eine gestiegene Lebenserwartung sind die Ursachen. Darum gibt es in Fujisawa auch ein Seniorenheim. So wird die ältere Generation in das Gemeindeleben eingebunden, um Isolation zu verhindert. Gesundheitsvorsorge ist ebenfalls ein wichtiges Thema in der Zukunftsstadt. Krankheiten sollen durch Prävention verhindert werden. Das bezieht sich auch auf die psychologische Gesundheit der Bewohner. Vom Kleinkind bis zum Rentner setzt man auf soziale Interaktion und Informationsaustausch. Auf dem zentralen Gemeindeplatz kommen die Bewohner regelmäßig für Veranstaltungen zusammen. Bis zur Fertigstellung im Jahr 2018, werden für rund 420 Millionen Euro, 1.000 Wohnungen sowie Gewerbegebäude und öffentliche Einrichtungen entstehen. Seit der Eröffnung im November 2014 haben bereits 3.000 Bewohner ihre Häuser bezogen.

Sich sicher fühlen

Bei der Planung der Straßen hatte man die einmalige Gelegenheit, den Verlauf so anzulegen, dass Kreuzungen gut einzusehen sind, um Unfälle zu vermeiden. Sicherheit ist das fünfte Leitmotiv in Fujisawa. Patroulierende Sicherheitsmitarbeiter, nächtliche Straßenbeleuchtung und Kameras sorgen für ein subjektives Sicherheitsgefühl der Bewohner. Hinzu kommt die Gefahr seismischer Aktivitäten in Japan. In der Sicherheitszentrale verfolgen und koordinieren Mitarbeiter an den Monitoren die Rettungsmaßnahmen und sehen, ob sich die Bewohner auf dem zentralen Platz unter freiem Himmel einfinden. Die Speicherkapazität für Strom ist für den Katastrophenfall auf drei Tage ausgelegt.

Kawashigas gibt das ein gutes Gefühl. Sie haben den Umzug nach Fujisawa nicht bereut. Heute steht noch ein wichtiger Termin auf der Familienagenda: Der Karaoke-Abend im Gemeindezentrum. Beim letzten Mal konnte Vater Kawashiga das Publikum mit einem Lied von Billy Idol nicht gerade von den Stühlen reißen. Das soll heute Abend anders werden.

100 Jahre und drei Generationen: Die Wachstumsziele für Fujisawa sind langfristig angelegt.